Die wahre Geschichte des Desserts aus Treviso
Sein Name stammt aus dem Dialekt von Treviso, «Tiremesu»: richte mich auf, gib mir Kraft. Ein einfacher, starker Ausdruck, der schon das ganze Wesen dieses Desserts enthält.
Das bekannteste italienische Dessert der Welt
Das Tiramisù ist heute einer der berühmtesten Ausdrücke der italienischen Küche in der Welt: Unter den Desserts ist es das im Ausland bekannteste italienische Wort und eines der wiedererkennbarsten überhaupt. Hinter diesem Ruhm steht jedoch eine lange und fesselnde Geschichte aus bäuerlicher Tradition, dem Gärungsprozess des Risorgimento, Volkserzählungen und Dokumenten, die seine Herkunft aus Treviso belegen.
Wir haben diese Geschichte Schritt für Schritt nachgezeichnet, von den ersten Zubereitungen auf dem Land bis zu den amtlichen Anerkennungen unserer Tage.
Sechs Zutaten, kein Kompromiss
Das traditionelle Rezept des Tiramisù aus Treviso beruht auf nur sechs Zutaten. Keine Sahne, kein Likör: Die Reinheit ist seine Handschrift.

Feiner Zucker
Die Süße, die die Creme bindet

Eigelb
Das Herz des bäuerlichen Sbatudin

Mascarpone
Der cremige Käse aus der Lombardei

Moka-Kaffee
Zum Tränken der Savoiardi

Savoiardi (Löffelbiskuits)
Die Biskuits des Königshauses Savoyen

Ungesüßter Kakao
Der letzte Schleier, obenauf
Zutaten und Mengen
- 300 g Mascarpone
- 3 Eigelb (ohne Eiweiß) oder 60 g pasteurisiertes Eigelb
- 90 g feiner Zucker
- Savoiardi (Löffelbiskuits)
- Moka-Kaffee
- Ungesüßtes Kakaopulver
Zubereitung
- Das Eigelb in einer Schüssel mit dem Zucker aufschlagen, bis die Masse hell und schaumig ist.
- Nach und nach den Mascarpone unterheben und langsam rühren, bis eine weiche, gleichmäßige Creme entsteht.
- Die Savoiardi in den kalten Kaffee tauchen und in einer Lage auslegen, mit der gezuckerten Seite nach oben.
- Die Biskuitlage mit der Creme bedecken und den Vorgang wiederholen, zum Schluss mit einer Lage Creme abschließen.
- Mindestens 10 Stunden oder über Nacht in den Kühlschrank stellen.
- Zum Schluss mit ungesüßtem Kakaopulver bestäuben und kalt servieren.
Rezept für Kinder
- 300 g Mascarpone
- 3 Eigelb (ohne Eiweiß)
- 90 g feiner Zucker
- Savoiardi (Löffelbiskuits)
- Gerstenkaffee (leicht gesüßt)
- Ungesüßtes Kakaopulver
- Das Eigelb in einer Schüssel mit dem Zucker aufschlagen, bis die Masse hell und schaumig ist.
- Nach und nach den Mascarpone unterheben und langsam rühren, bis eine weiche, gleichmäßige Creme entsteht.
- Die Savoiardi in den kalten Gerstenkaffee tauchen und in einer Lage auslegen, mit der gezuckerten Seite nach oben.
- Die Biskuitlage mit der Creme bedecken und den Vorgang wiederholen, zum Schluss mit einer Lage Creme abschließen.
- Mindestens 10 Stunden oder über Nacht in den Kühlschrank stellen.
- Zum Schluss mit ungesüßtem Kakaopulver bestäuben und kalt servieren.
"Tiramesù de Treviso"
Riceta originae in dialeto veneto
Das Originalrezept, so wie es im venetischen Dialekt von Treviso überliefert wird. Wir lassen es in seiner Sprache: Es gehört zum Dokument.
Ingredienti par sie - oto parsone
- 3 eti de mascarpon
- 3 balòte de òvo
- Sùcaro (on cucìaro e mexo par balòta)
- Biscoti savojardi
- Cafè de moka
- Cacao amaro in polvare
Preparasion
- Sbàtare e balòte de òvo col sùcaro.
- Zontare el mascarpon otegnendo na crema tènara.
- Insupàre i savojardi col cafè e metarli su on strato.
- Racoèrzare el strato de biscòti coa crema e rifar l'operaxion finendo con on strato de crema.
- Mètar in frigo par na note.
- Par ultimo spàndare sora cacao amaro e servìr frèdo.
Die Wurzeln im Land von Treviso
Die historische Erinnerung der Marca Trevigiana setzt die Entstehung des Tiramisù in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Ursprünge wurzeln in der örtlichen bäuerlichen Tradition, besonders im Sbatudin: einer einfachen Zubereitung aus Eigelb und Zucker, aufgeschlagen zu einer lockeren, schaumigen Creme.
In den Familien der Provinz Treviso verbreitet, bildet diese Creme den Ursprungskern, aus dem das Dessert Gestalt annahm. Mit der Zeit bereicherte jede Familie das Rezept nach Vorrat und Geschmack: Kaffee, Wein, Liköre, Biskuits, Sahne, Butter, Ricotta oder Kakao. Eine ungesteuerte Entwicklung, die nach und nach zum traditionellen Rezept führte.

Pellegrino Artusi und die «biscottini puerperali»
Ein wichtiges Zeugnis stammt von Pellegrino Artusi (1820-1911), der in seinem berühmten Buch «La scienza in cucina e l'arte del mangiar bene» (1891) verwandte Zubereitungen festhält. In der sechsten Auflage von 1902 beschreibt er die sogenannten «biscottini puerperali» aus Conegliano, eine Löffelspeise aus Eigelb, Zucker und ungesüßtem Kakao: dieselben Zutaten, die wir bis heute im Tiramisù wiederfinden.
Aus dieser Grundlage entsteht, mit der schrittweisen Zugabe von Savoiardi, Kaffee, Mascarpone, Eiern und Zucker, das Dessert in seiner heutigen Form. Artusis Buch gilt als das erste amtliche historische Dokument, um Zeit und Ort eines Gerichts der italienischen Küche zu bestimmen.


Comissos Erinnerung an das Risorgimento
Schon zur Zeit des Risorgimento war das Tiramisù in den wohlhabenderen Familien der Gesellschaft von Treviso bekannt und beliebt, oft auf Biskuitboden zubereitet – ein Nachhall der Wiener Konditoreitradition der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Schriftsteller Giovanni Comisso aus Treviso, ein unparteiischer Zeuge, berichtete seinem Freund, Professor Manlio Brusatin, von den Erinnerungen seiner Vorfahren: den Erzählungen seiner Großmutter Giuseppina Tiretta, die eine reiche, üppige Fassung des Desserts zubereitete, die sie «Tirame-sospiro-sù» nannte.
Eben jene Tiretta, glühende Anhängerin des Risorgimento, trug dazu bei, die Savoiardi zu verbreiten, Biskuits piemontesischen Ursprungs aus dem Königshaus Savoyen, sowie den Mascarpone, ein typisches Erzeugnis der Lombardei. Eine Wahl von sinnbildlichem und politischem Wert: ein regelrechter Aufstand des Geschmacks, um die habsburgischen Aromen zurückzuweisen und bei Tisch die Zugehörigkeit zum entstehenden Königreich Italien zu behaupten. Auch der Erste Weltkrieg mit der Front entlang Montegrappa, Montello und Piave trug dazu bei, vielen italienischen Soldaten dieses Dessert mit patriotischer Seele bekannt zu machen.

Das «Dessert der Sünde»
Neben den historischen Quellen überliefert die mündliche Tradition eine anschaulichere, volkstümlichere Fassung. Es heißt, das Dessert habe seinen Weg in der Altstadt von Treviso genommen, in einem Freudenhaus, wo eine Madame eine kräftigende, stärkende Zubereitung ersonnen haben soll, die den Gästen am Ende des Abends gereicht wurde, mit einem vielsagenden Satz: «Adesso ve tiro su mi» («jetzt richte ich euch wieder auf»). Daher die Taufe als «Dessert der Sünde», belebendes Elixier des 20. Jahrhunderts.
Die Wurzeln reichen in das gesellschaftliche Gefüge des Nachkriegs-Treviso, wie die Zeugnisse von Alfredo Beltrame, Arturo Filippini, Boccazzi und Loris Casellato bestätigen. Die Chroniken verbinden den Ursprung des Desserts mit den Gästen des bekannten Hauses «Tre Scalini» in der Via Marzolo, wo der Konditor Danilo Ragazzon, genannt «el Rosso», ein überliefertes Rezept anbot, verfeinert mit Marsala all'uovo.
Auf der Grundlage der Dokumente und des unveröffentlichten Manuskripts von Loris Casellato lässt sich mit Sicherheit sagen, dass Treviso den historischen Vorrang für die Schöpfung des ersten Konditorei-Tiramisù hält, dessen förmliche Ausarbeitung auf 1947 zurückgeht. Jahrzehntelang verwies ein Schleier der Scham diese Chroniken an den Rand der offiziellen Geschichte: Erst mit den Siebzigerjahren und dem Wandel der Sitten, den 1968 anstieß, brach das Schweigen.

Die Taufe in den Beccherie
Der Dreh- und Angelpunkt dieses Übergangs war das alte Gasthaus an der Piazzetta Ancilotto, im Herzen von Treviso: das heutige Ristorante Le Beccherie. Hier ging das Dessert einen Weg, der dem üblichen der Kochkunst entgegengesetzt ist: keine Schöpfung der Haute Cuisine, die später ans Volk weitergereicht wurde, sondern eine Kostbarkeit, die in der Vertrautheit der Häuser und der Orte der Tradition entstand und es bis in die Gasthäuser, die Restaurants und die angesehensten Konditoreien schaffte.
1970 markiert den Übergang von der mündlichen Überlieferung zur schriftlichen Geschichte. Damals beschloss die Familie Campeol, den Begriff «Tiramisù» zu adeln, indem sie ihn offiziell in die Karte ihres Restaurants aufnahm. Besiegelt wurde dieser Schritt von der Delegation der Accademia Italiana della Cucina, die seine Geburt förmlich feststellte und das Rezept des ersten Tiramisù für die Gastronomie beglaubigte, das wir heute kennen.
Die Handschrift von Giuseppe Maffioli
Der Schauspieler und Schriftsteller Giuseppe Maffioli macht die Zubereitung des Desserts 1981 in der Zeitschrift «Vin Veneto» zur Geschichte und amtlich, indem er sie im Restaurant Alle Beccherie in Treviso verortet.
Die Quellenforschung erreicht 1983 einen grundlegenden Abschnitt, als der Önogastronom in seinem monumentalen Werk «La cucina trevigiana» das beglaubigt, was er selbst als das echte und rechtmäßige Rezept des Tiramisù der Beccherie bezeichnete. Streng bewahrt auf Seite 423, entzieht diese Beglaubigung das Dessert endgültig den Nebeln der mündlichen Ungewissheit und übergibt es der Geschichte: nicht eine bloße Erwähnung, sondern eine wissenschaftliche Einsetzung des Originalrezepts des Tiramisù für die Gastronomie.

Die notarielle Urkunde zum Schutz des Desserts
Am 15. Oktober 2010 hinterlegten drei Mitglieder der Delegation Treviso der Accademia Italiana della Cucina, einer Kultureinrichtung der Republik, eine notarielle Urkunde (Nr. 7947 beim Notar Lorenzo Ferretto, Treviso) mit einer Untersuchung zu den Zubereitungsarten des «Tirame su», in der Absicht, die gastronomischen Traditionen des Gebiets zu bewahren.
In der Akte werden die von Giuseppe Maffioli verbreiteten historisch-gastronomischen Angaben angeführt, die Echtheit des Originalrezepts aus Treviso im Restaurant Le Beccherie dank des Koch-Konditors Roberto Linguanotto und schließlich die Zubereitungsarten des traditionellen Rezepts und seiner Varianten.

Die erste Abschlussarbeit und die universitäre Weihe
2012 bringt die akademische Weihe des Tiramisù mit der Verteidigung der weltweit ersten Abschlussarbeit zu diesem Thema. Ilaria Ziliotto legte die Studie «Cultural Experiences in Italian Oenogastronomic Tourism: Treviso, the city of Tiramisù» an der Universität Trient vor und verlieh der Frage der Ursprünge eine strenge wissenschaftliche Würde. Die Arbeit stützt die Herkunft des berühmten Desserts aus Treviso mit einem soliden Apparat historischer Belege und einer genauen Bibliografie – ein Zeugnis der tiefen und unauflöslichen Verbindung zwischen dem Originalrezept und der kulturellen Tradition des Gebiets.
Für die vollständige Bibliografie können Sie sich unmittelbar an die Accademia del Tiramisù (die Tiramisù-Akademie) wenden.

Das amtliche Siegel für Le Beccherie
Der 20. März 2019 ist ein Datum von tiefer sinnbildlicher Bedeutung für die Geschichtsschreibung des Geschmacks: Bei dieser Gelegenheit überreichte die Accademia del Tiramisù in der Person ihres Präsidenten Tiziano Taffarello an Paolo Lai, den Inhaber des Ristorante Le Beccherie, die gewichtige Auszeichnung «Locale storico per la ricetta del Tiramisù di Treviso» (historischer Betrieb für das Rezept des Tiramisù aus Treviso). Ein Akt, der nicht nur der Erinnerung huldigt: Er bestätigt die Rolle des historischen Hauses als erwählten Hüter der Tradition und besiegelt die Verbindung zwischen dem Ort des Mythos und der Entstehung dieser kulinarischen Kostbarkeit.

Die PAT-Anerkennung: Identität und Schutz
Die Anerkennung des Tiramisù aus Treviso als Prodotto Agroalimentare Tradizionale (PAT, traditionelles Lebensmittelerzeugnis), erlangt im März 2024, ist ein wichtiger Schritt für den Schutz und die Wertschätzung eines der Wahrzeichen-Desserts der italienischen Tradition. Sie bestätigt nicht nur die tiefe Verbindung des Tiramisù mit dem Gebiet von Treviso und seiner Küchengeschichte, sondern stärkt auch seine kulturelle Identität und bewahrt Rezept und Wurzeln für die kommenden Generationen.
Das Video zum Originalrezept
Entdecken Sie das originale, traditionelle Rezept des Tiramisù aus Treviso: Im Video verraten wir Schritt für Schritt alle Geheimnisse für ein perfektes, cremiges und unwiderstehliches Tiramisu.

Das Video liegt auf YouTube: Mit dem Klick auf die Schaltfläche verbindet sich Ihr Browser mit den Servern von Google.
Eine Geschichte von mehr als hundert Jahren
1891
Pellegrino Artusi veröffentlicht «La scienza in cucina e l'arte del mangiar bene».
1947
In Treviso entsteht das erste belegte Konditorei-Tiramisù.
1970
Die Familie Campeol bringt den Namen «Tiramisù» auf die Karte der Beccherie.
1981
Giuseppe Maffioli macht das Dessert in der Zeitschrift «Vin Veneto» zur Geschichte.
1983
Das rechtmäßige Rezept erscheint in «La cucina trevigiana», auf Seite 423.
2005
The Venice International Foundation veröffentlicht «Esegesi del Tiramisù» von Manlio Brusatin.
2010
Notarielle Urkunde zum Schutz des Rezepts beim Notar Ferretto in Treviso.
2012
Die weltweit erste Abschlussarbeit über das Tiramisù, in Trient.
2019
Le Beccherie wird als «historischer Betrieb für das Rezept des Tiramisù» anerkannt.
2024
Das Tiramisù aus Treviso wird Prodotto Agroalimentare Tradizionale.
Newsletter abonnieren
Erhalten Sie Neuigkeiten, Veranstaltungen und Geschichten rund um das Tiramisù direkt in Ihr Postfach.
Kein Spam. Sie können sich jederzeit abmelden.
